Wo Liebe ist
Wo Liebe ist
Sprüche. Spruchgedicht von Franz von Assisi
wo Geduld ist, gibt es keinen Zorn;
wo Fröhlichkeit sit, gibt es keinen Geiz.
Am Weihnachtstag
Am Weihnachtstag
Still ist die Nacht; in seinem Zelt geboren,
der Schriftgelehrte späht mit finstren Sorgen,
wann Judas mächtiger Tyrann erscheint;
den Vorhang lüftet er, nachstarrend lange
dem Stern, der gleitet über Äthers Wange,
wie Freudenzähre, die der Himmel weint.
Und fern vom Zelte über einem Stalle,
da ist’s, als ob aufs nied’re Dach er falle;
in tausend Radien sein Licht er gießt.
Ein Meteor, so dachte der Gelehrte,
als langsam er zu seinen Büchern kehrte.
O weißt du, wen das nied’re Dach umschließt?
In einer Krippe ruht ein neugeboren
und schlummernd Kindlein; wie im Traum verloren
die Mutter knieet, schlichter Mann rückt tief erschüttert
das Lager ihnen; seine Rechte zittert
dem Schleier nahe um den Mantel noch.
Und an der Türe steh’n geringe Leute,
mühsel’ge Hirten, doch die ersten heute,
und in den Lüften klingt es süß und lind,
verlor’ne Töne von der Engel Liede:
"Dem Höchsten Ehr’ und allen Menschen Friede,
die eines guten Willens sind."
Annette von Droste-Hülshoff 1797 - 1848
Fröhliche Weihnachten
Gifs by Oriza: messages, friendship, love poems
Fröhliche Weihnachten mit Liebe.
An der Krippe
An der Krippe Kleiner Knabe, großer Gott, schönste Blume, weiß und rot, von Maria neugeboren, unter tausend auserkoren, allerliebstes Jesulein, lasse mich dein Diener sein! Nimm mich an, geliebtes Kind, und befiel mir nur geschwind, rege deine süßen Lippen, rufe mich zu deiner Krippen: tu mir durch deinen holden Mund deinen liebsten Willen kund. Dir soll meine Seel’ allzeit samt den Kräften sein bereit, und mein Leib mit allen Sinnen soll nichts ohne dich beginnen; mein Gemüte soll an dich denken jetzt und ewiglich. Nimm mich an, o Jesu mein, denn ich wünsche dein zu sein! Dein verleib’ ich, weil ich lebe, dein, wenn ich den Geist aufgebe. Wer dir dient, du starker Held, der beherrscht die ganze Welt. Angelus Silesius 1624 - 1677 |
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Die Hirten
Die Hirten
Hirten wachen im Feld,
Nacht ist rings auf der Welt,
wach sind die Hirten alleine
im Haine.
Und ein Engel im Licht
grüßt die Hirten und spricht:
"Christ, das Heil aller Frommen,
ist kommen!"
Engel singen umher:
"Gott im Himmel sei Ehr’
und den Menschen hienieden
sei Frieden!"
Eilen die Hirten fort,
eilen zum heiligen Ort,
beten an in den Windlein
das Kindlein.
Peter Cornelius 1824 - 1874
Der Knabe Jesus

Der Knabe Jesus
Gar eines schönen Tages gingen
Die Kinder vor das Tor und fingen
Da Kurzweil an und Kinderspiel.
Da sprang mit andrer Knaben viel
Der Knabe Jesus auch von Haus,
Sie kamen bald aufs Feld hinaus,
Wo Lehm und Erde war gegraben.
Da setzt’ er sich mit andern Knaben
Und bildete mit kleiner Hand
Den weichen Lehm, den losen Sand
Und machte kleine Vögelein,
Wie er sie fliegen sah im Hain,
Grasmücken, Finken, Wachteln, Tauben
Und den Wiedehopf mit hoher Hauben.
Wie nun die andern Knaben sah’n
Die Vögel all so wohlgetan,
Da lachten sie und wollten auch
Sich Vögel machen nach seinem Brauch.
Nun war’s der Juden Sabbattag,
Da der Kinder Schar im Sande lag.
Da kam ein alter Jude just
Daher und sah der Kleinen Lust,
Wie sie mit Lehm und Erde spielten
Und nicht des Tages Feier hielten:
Darob erbost er sich alsbald
Und fuhr die Kinder an und schalt.
Er sprach: "Ihr seid des Teufels Brut,
Dass ihr hier solche Dinge tut,
Ihr brechet euern Sabbaot,
Damit erzürnt ihr euern Gott.
Jesus, die Schuld hast du allein,
Dass diese Kinder insgemein
Der schwere Zorn des Himmels trifft,
Von dir kommt der Verführung Gift."
Doch Jesus sprach: "Ei, wollte Gott,
Dass du selber deinen Sabbaot
Zu halten wüsstest so wie ich,
Nicht also schelten darfst du mich!"
Da ward der alte Jud’ erst böse
Und lief mit kreischendem Getöse
Hinzu, sich an dem Kind zu rächen,
Sein schönes Spiel ihm zu zerbrechen.
Zertreten wollt’ er mit den Füßen
Die Vögelein, den Zorn zu büßen.
Doch Jesus ihm das nicht vertrug,
Die Händlein rasch zusammen schlug,
Wie wenn man Vögel will erschrecken;
Die Stimme ließ er, sie zu wecken,
Erklingen auch mit lautem Schall.
Da wurden sie lebendig all
Und flogen auf und hoch empor
Und sangen laut herab im Chor:
"Wir haben Leben und Gefieder;
Nun komm einmal und tritt uns nieder!"
Der alte hört es ungelassen;
Doch musst er sie wohl fliegen lassen.
Karl Simrock 1802 - 1876
Solo Dios basta

Solo Dios basta
Zwischen Gott und Welt noch
Schwankst du hin und her,
Und es wiegt die Welt doch
Sicher gar nicht schwer!
Sorge ist und Last da,
Wo sie Glück dir lügt,
Solo Dios basta:
Gott allein genügt.
Sieh, dort in der Krippe
Jenes Kindlein klein,
Nur von Jesu Lippe
Floß die Wahrheit rein;
Hast du sie erfasst da,
Hast du, was nicht trügt,
Solo Dios basta:
Gott allein genügt.
Alles war vergebens
Bis zu jenem Tag,
Als der Herr des Lebens
In der Krippe lag;
Durch den holden Gast da
Hat sich’s wohl gefügt,
Solo Dios baste:
Gott allein genügt.
O, wie war hienieden
Tief des Unheils Nacht,
In das Herz den Frieden
Hat dies Kind gebracht;
Bess’re ohne Rast da,
Was dein Heiland rügt,
Solo Dios basta:
Gott allein genügt.
Adolf Kolping 1813 - 1865
An das Jesuskind

An das Jesuskind
Ich steh’ an Deiner Krippe hier,
O Jesulein, mein Leben,
Ich stehe, bring’ und schenke Dir,
Was Du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel’ und Mut, nimm alles hin,
Und lass dir’s wohl gefallen.
Du hast mit Deiner Lieb’ erfüllt
Mein Adern und Geblüte;
Dein schöner Glanz, Dein süßes Bild
Liegt stets mir im Gemüte.
Und wie mag es auch anders sein,
Wie könnt’ ich Dich, mein Herzelein,
Aus meinem Herzen lassen?
Da ich noch nicht geboren war,
Da bist Du mir geboren,
Und hast mich Dir zu eigen gar,
Eh ich dich kannt’, erkoren;
Eh ich durch Deine Hand gemacht,
Da hat Dein Herze schon bedacht,
Wie Du mein wolltest werden.
Ich lag in tiefer Todesnacht,
Du wurdest meine Sonne,
Die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud’ und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
Des Glaubens in mir zugericht’:
Wie schön sind Deine Strahlen!
Ich sehe Dich mit Freuden an
Und kann nicht satt mich sehen,
Und weil ich nun nicht weinen kann,
So tu’ ich, was geschehen.
O, dass mein Sinn ein Abgrund wär’
Und meine Seel’ ein weites Meer,
Dass ich Dich möchte fassen!
Vergönne mir, o Jesulein,
Dass ich im Geiste küsse
Dein Mündlein, das den süßen Wein,
Auch Milch und Honigflüsse
Weit übertrifft in seiner Kraft,
Es ist voll Labsal, Stärk’ und Saft,
Der Mark und Bein erquicket.
Wenn oft mein Herz im Leibe weint
Und keinen Trost kann finden,
Da ruft mir’s zu: "Ich bin Dein Freund,
Ein Tilger Deiner Sünden;
Was trauerst Du, mein Fleisch und Blut?
Du sollst ja haben guten Mut,
Ich zahle Deine Schulden.
Wer ist der Meister, der allhier
Nach Würdigkeit ausstreichet
Die Händlein, so das Kindelein
Anlachend mir zureichet?
Der Schnee ist hell, die Milch ist weiß,
Verlieren doch beid’ ihren Preis,
Wenn diese Händlein blinken.
Wo nehm’ ich Weisheit und Verstand,
Mit Lobe zu erhöhen
Die Äuglein, die so unverwandt
Nach mit gerichtet stehen?
Der volle Mond ist schön und klar,
Schön ist der güldnen Sterne Schar,
Die Äuglein sind viel schöner.
O, dass doch ein so lieber Stern
Soll in der Krippe liegen!
Für edle Kinder großer Herr’n
Gehören güldne Wiegen.
Ach! Heu und Stroh sind viel zu schlecht;
Samt, Seiden, Purpur wären recht,
Dich Kindlein drauf zu legen.
Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu,
Ich will mir Blumen holen,
Dass meines Heilands Lager sei
Auf Rosen und Diolen,
Mit Tulpen, Nelken, Rosmarin
Aus frischen Gärten will ich ihn
Von oben her bestreuen.
Zur Seiten will ich hier und dar
Viel weiße Lilien stecken,
Die sollen seiner Äugelein Paar
Im Schlafe sanft bedecken.
Doch ist vielleicht das dürre Gras
Dir lieber, Kind, als alles das,
Was ich hier nenn’ und denke.
Du fragtest nicht nach Lust der Welt
Noch nach des Leibes Freuden:
Du hast Dich bei uns eingestellt,
An unsrer Statt zu leiden,
Sucht meiner Seele Trost und Freud’
Durch allerhand Beschwerlichkeit,
Das will ich dir nicht wehren.
Eins aber, hoff’ ich, wirst du mir,
Mein Heiland, nicht versagen,
Dass ich dich möge für und für
In, bei und an mir tragen.
So lass mich doch Dein Kripplein sein,
Komm, komm und lege bei mir ein
dich und all Deine Freuden!
Zwar sollt’ ich denken, wie gering
Ich Dich bewirten werde:
Du bist der Schöpfer aller Ding’,
Ich bin nur Staub und Erde.
Doch bist du so ein lieber Gast,
Dass du noch nie verschmähet hast
Den, der Dich gerne siehet.
Paul Gerhardt 1607 - 1676
Ich bin der Weg
From: "Believe", by Savatage band.
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Das Wiegenlied der Mutter Gottes
Wie ziehn sie geschwinde
Durchs Wüstental
Mit dem göttlichen Kinde,
So bleiern die Wolken,
So glühend die Luft!
Und giftige Schwaden
In Höh’ und in Kluft!
Im glühheißen Sande
Mit silberner Welle
Auf Meilenweite
Nicht Bach noch Quelle!
Und durch die Dünste
So trüb und rot
Die Abendsonne
Wie winkender Tod!
Das Kindlein erwacht;
Die Lippen so trocken,
Mit Staub überrieselt
Die goldigen Locken!
So glutdurchzittert
Der Wüstenwind!
Da weint und wimmert
Das himmlische Kind.
Nun zieht an die Brust
Die Mutter den Kleinen
Und spielt und lächelt
Und stillt sein Weinen;
Und zart und leise
Die Luft durchzieht
Von ihren Lippen
Ein Wiegenlied.
Das klingt so süß
Wie Windesgeflüster,
Wie himmlische Sänge.
Das flutet so wonnig
Durch Tal und Kluft,
Da regt sich die starre,
Die trotzige Luft.
Das weinende Kind
Sie kühlend umfächelt,
Bis sanft und holdselig
Sein Aug’ wieder lächelt.
Die Sonne will lauschen
Der süßesten Frau,
Da stiebt auseinander
Der Wolken Grau.
Die giftigen Dünste
Entweichen geschwinde,
Und azurner Himmel
Nun lächelt dem Kinde.
Und darüber der Sonne
Stillfreundliches Gold
In rosigen fluten
Den Schleier entrollt.
Und tief unterm Sande,
Dem todesschwülen,
Da sitzt ein Quellchen
Gemächlich im Kühlen.
Doch wie die Klänge
Ihm treffen das Ohr,
Da bricht es im Sturme
Gewaltsam hervor.
Es möchte so gerne
Der Jungfrau zu Füßen
Mit silbernen Wellen
Die Reine grüßen
Und leis ihr berichten
Vom kühlen Grund,
Von schlummernden Blüten
Und Kieferlein bunt.
Am liebsten doch möchte’ es
Dem göttlichen Knaben
Die brennenden Lippen
In Ehrfurcht laben.
Und bei dem Quellchen
Im traulichen Heim
Von Blumen und Gräsern
Schläft manch ein Keim.
Dem kündet das Quellchen
Die Mär geschwinde
Von der herrlichen Frau
Und dem süßesten Kinde.
Da stürmt es nach oben
In raschem Lauf,
Da hebt sich im Sande
Manch Köpfchen auf,
Zum Teppich sich webend
Dem Fuß der Reinen,
Dass sanft sie ruhe
Mit ihrem Kleinen.
Und eine Palme
Steht dorr und kahl
Und blitzzerborsten
Im Abendstrahl.
Die hört die Klänge
So süß entschweben
Und fühlt vor Entzücken
Ihr Herz erbeben.
Die sonst nur lauschte
Der Stürme Groll,
Ihr wird so selig,
So hoffnungsvoll.
Die dorren Hafern
Durchzieht ein Sehnen
Schon fühlt sie’s mächtig
Sich heben und dehnen.
Schon schwillt es und treibt es
Am Stamme hervor,
Von Blättern und Blüten
Ein wallender Flor.
Und köstliche Früchte
Dazwischen schwanken,
Zur Erde sich neigend
An zitternden Ranken.
Sie bieten als Labung
Sich lieblich und lind
Der süßesten Mutter,
Dem süßesten Kind.
Und die Englein im Himmel
Sie steigen hernieder
Und singen der Jungfrau
Holdselige Lieder,
Und fächeln und jauchzen
Dem Kindelein.
Da lächelt der Kleine
Und schläft wieder ein.
Und leise singt es
Und klingt durch die Auen:
"Im reinen Schoße
Der himmlischen Frauen,
Du Kindlein, so sonnig,
So freudenvoll,
Wir haben Wache;
Schlaf wohl, schlaf wohl!"
Hedwig Dransfeld 1871 - 1925
Das Weihnachtslied
(Mein Himmelreich)
Seit Gott erschuf das Reich der Klänge,
Erschallen tausendfach Gesänge
Dem Herzen traut und angenehm.
Doch niemals haben Menschenzungen
So sehr und süß ein Lied gesungen
Als jenes war zu Bethlehem.
Das Lob dem Herrn, so hört ich’s schallen,
Und Friede sei dem Menschen allen,
Die eines guten Willens sind.
Wohl um den Erdkreis klingt die Kunde
Von jener einzig großen Stunde,
Da uns erschien das Jesukind.
O tönt, ihr Harfen, klingt, Metalle,
O singt, ihr Pfeifen, Kehlen alle:
Dem Herrn die Ehr’, dem Menschen Fried’.
Fanfarenstoß, Kanonenbrummen,
Sie werden gänzlich einst verstummen
Vor diesem sanften Gotteslied.
Und wenn des Weihnachtsliedes Mahnen
Wir sind gedenk im heiligen Ahnen,
So wird in neuem Gottesreich
Das Osterlied, Posaunenrufen
Uns grüßen an des Thrones Stufen:
Der Friede, Kinder, sei mit euch!
Peter Rosegger 1843 - 1918
Das Weihnachtsbäumlein
Es war einmal ein Tännelein,
und Glitzergold und Äpfelein fein
und vielen bunten Kerzelein:
Das war am Weihnachtsfest so grün,
als fing es eben an zu blühn.
Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stand’s im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
Die grünen Nadeln war’n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.
Bis eines Tages der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm -
hei! tat’s da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.
Christian Morgenstern 1871 - 1914
Aus der Kinderstube

Aus der Kinderstub’ ein Märchen.
Zuckerwerk gesandt vom Bäschen -
war’s ein Jäger und ein Häschen,
war’s ein Schäfer und ein Lämmchen
neben einem Tannenstämmchen?
Nicht mehr weiß ich’s, kurz: ein Männchen
und ein Tierchen bei ‘nem Tännchen.
Und die Mutter sprach dem Ernst,
ihrem jüngsten, zu mit Ernst:
Dieses sollst du nur betrachten,
aber nicht zu essen trachten.
Doch, ihn erst zu prüfen eben,
ward ihm nur das Tier gegeben,
sie behielt den Mann zurücke,
das gereichte dem zum Glücke.
Denn sein Tierchen nahm das Bübchen,
sperrt es in sein Spielzeugschiebchen,
kam dann stündlich zu der Mutter:
Gib mir für mein Tierchen Futter!
Äpfel gab sie ihm und Semmeln,
was nicht Hasen taugt noch Hämmeln,
doch der Futter selber aß es,
meinte stets, sein Tierchen fraß es.
Als nun lang der arme Schlucker
so geweidet seinen Zucker,
und sein Auge dran geweidet,
war ihm diese Lust verleidet.
Er begann es zu belecken,
und es mochte süß ihm schmecken,
und mit einmal war das Köpfchen
ab dem zuckernen Geschöpfchen.
Und wie’s mit dem Haupt gelungen,
war das ganze bald bezwungen.
Als er nun nicht mehr um Futter
kam zu betteln bei der Mutter,
merkte sie, daß was geschehen,
sprach: Laß mich dein Tierchen sehen!
Und der Sünder stand betroffen.
Mutter sprach: ich will nicht hoffen,
daß du’s habest aufgegessen?
"Mutter, nein! doch aufgefressen."
Wie? gleich wilden Raubtierhorden?
"Ja! Ich war zum Wolf geworden;
weil du von dem Wolf doch immer
Abends uns erzählst im Zimmer."
Und du hast es ganz gegessen?
"Nur soviel der Wolf kann fressen,
nur das Tierchen, nicht das Tännchen.
Aber gib mir nur das Männchen,
das will ich bewahren besser."
Mutter sprach: Ein Menschenfresser
willst du werden ungeheuer?
Und das Kind war rot wie Feuer.
Doch sie sprach: Daß wird’s verbessern,
weil ich doch von Menschenfressern
Abends dir auch vorgetragen,
will ich’s Männchen dir versagen,
daß nicht etwa gar, mein Kindchen,
du’s verschlingest samt dem Flintchen.
Oder ob gesagt sie habe,
statt der Flinte: mit dem Stabe;
das kommt darauf an, ob Jäger
es gewesen oder Schäfer.
Friedrich Rückert 1788 - 1866
Das Vöglein auf dem Weihnachtsbaum
| Ich hatt’ ein Vöglein, das war wunderzahm, daß es vom Munde mir das Futter nahm. Es flatterte bei meinem Ruf herbei und trieb der muntern Kurzweil vielerlei, drum stand das Türchen seines Kerkers auf den ganzen Tag zu freiem Flug und Lauf. Im Käfig war es aus dem Ei geschlüpft, war nie durch Gras und grünes Laub gehüpft und hatte nie den dunklen Wald geschaut, wo sein Geschlecht die leichten Nester baut. Und wie der Winter wieder kam ins Land, das Weihnachtsbäumchen in der Stube stand, da fand mein schmuckes, zahmes Vögelein neugierig bald sich in den Zweigen ein. Wohl trippelt es behutsam erst und scheu dem Rätsel zu, so lockend und so neu, doch bald war’s in dem grünen Reich zu Haus, wie prüfend breitet es die Flügel aus; so freudig stieg und fiel die kleine Brust, als schwellte sie der Tannenduft mit Luft. Und wie er nie vom Käfig noch erklang, so froh, so schmetternd tönte sein Gesang! Zum erstenmal berauscht vom neuen Glück, kehrt es zu seinem Hause nicht zurück. Hart an das Stämmchen duckt es, still und klein und schlummert in der grünen Dämmrung ein. Und sinnend sah ich lang des Lieblings Ruh wie erst dem Spiel, dem zierlich heitren, zu, als durch des Vogels Leib mit einemmal sein seltsam Zittern wunderbar sich stahl; das Köpfchen mit dem Fittich zugetan, fing es geheim und süß zu zwitschern an: Im Traum geschah’s ... und Wald und Waldeswehn schien ahnungslos durch diesen Traum zu gehen. Und seltsam überkam’s mich bei dem Laut! Was nie das Tierchen lebend noch geschaut, des freien Waldes freie Herrlichkeit, nun lag es offen da vor ihm und weit ... mich aber mahnt es einer anderen Welt, und mancher Frage, zweifelnd oft gestellt, und dieses Leben deuchte mir ein Traum wie der des Vögleins auf dem Weihnachtsbaum. Hermann von Schmid 1850 - 1880 |

